Auf der Suche nach digitaler Heimat

Kennt Ihr das? Ihr seid im Netz zuhause, aber fühlt Euch nirgends so richtig angekommen? Mir geht es auch so.


Der Philosoph Karl Jaspers sagte einst:


„Heimat ist da, wo ich mich verstehe und wo ich verstanden werde.“

Das war lange vor der Digitalisierung und doch passt es gerade auch in diese Zeit. Für mich.

Denn ich bin schon seit so vielen Jahren auf der Suche nach genau diesem Ort: nach einer Heimat. Nach einer digitalen Heimat, wohlgemerkt.

Mein Hobby: ist Schreiben. Schon immer. Seit der Grundschule.


Jetzt bin ich um die vierzig und im Real Life angekommen. Dort habe ich meine Heimat längst gefunden: in echten Menschen und in meiner Wohnung und meiner Stadt und auch in meinem Job. Mein Hobby aber - das Schreiben - ist immer auf der Reise, weil ich bisher noch keinen Ort gefunden habe, an dem ich es so ausleben kann, wie ich es gerne möchte. Weil ich noch nicht „angekommen“ bin und mich allzu oft heimatlos fühle.



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Ich schreibe über Gedanken und Träume. Über Alltägliches und Fantastisches. Es gibt so viele Themen auf der Welt und so viele Worte und ich möchte einfach mal irgendwo ankommen mit meinen Worten und Buchstaben. Ich möchte meinen Koffer abstellen, in dem Geschichten sind und Fetzen aus meinem Alltag in kurzen oder langen Sätzen und ich möchte den Kleiderschrank aufmachen und all meine Sachen aus meinem Koffer dort hinein räumen. Ein bisschen unordentlich vielleicht. Hauptsache, alles passt rein und ich kann es mir dann gemütlich machen in irgendeiner digitalen Ecke auf dieser Welt und in dieser Welt namens Internet.

Aber bisher: bleibe ich einige Zeit dort und einige Zeit hier. Dann suche ich meinen Kram wieder zusammen und ziehe weiter.


Weil dieses Gefühl sich einfach nicht eingestellt hat. Das Gefühl, dass ich mich heimisch fühle hat bisher immer gefehlt oder war nur kurz vorhanden. Ich kenne die Gründe, aber komme doch nicht dagegen an.


Es ist so: Es fühlt sich nie so an, als wäre alles richtig. Als könnte ich meinen Koffer komplett auspacken und einziehen mit dem Gefühl, dass ich bleiben will.

Entweder ich kann in dieser digitalen „Wohnung“ nur über Thema X schreiben und Thema Y ist unpassend für diese Seite oder das Design ist zu umständlich. Oder ich fühle mich unverstanden oder ich fühle mich lost, weil alle an mir vorbeigehen, ohne mich zu bemerken. Oder oder oder. Es passt nie komplett. „Heimat ist da, wo ich mich verstehe…“. Mir fehlte bisher immer die innere Verbundenheit zu einem virtuellen Ort und manchmal glaube ich, es kann sie gar nicht geben, weil das Internet mit seinen ganzen Schreibplattformen digital ist und innere Verbundenheit in einer digitalen Welt nicht aufgebaut werden kann. Weil alles zu abstrakt ist.

Mir sollte mein Real Life reichen, denn dort bin ich ja angekommen. Aber irgendwie ist da so ein Ziehen in mir. So ein Gefühl, das der Sehnsucht ähnelt. Es gibt Tage und Wochen und Monate (und Jahre), da spüre ich es nicht, weil sich alles gut anfühlt und dann kommt der Moment, dass ich innehalte und mir bewusst wird, dass ich trotzdem irgendwie und überhaupt fehl am Platze bin, weil ich auch mal über andere Themen schreiben möchte oder es eine Zeichenbeschränkung gibt, die dafür sorgt, dass meine Texte nie komplett sind. Dann öffne ich meinen Kleiderschrank und packe alle meine Buchstaben und Wörter und Geschichten dort wieder ein und schließe die Tür zu diesem Ort ab, um mich auf die Reise zu machen: nach einem neuen Ort.



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Es ist kein Problem, Abstriche zu machen, die mache ich ja schon immer. Hier ein Jahr und dort zwei Jahre. Ich versuche, mich zusammen zu reißen und merke doch, dass ich mich so sehr nach einem Ort sehne, wo ich einfach bleiben kann. Wo der Inhalt meines Koffers auch bleiben kann. Wo ich die virtuellen Nachbarn in meinem virtuellen Haus kennenlerne und ich mich nicht eingeschränkt fühle in meinem Hobby.

Es gab für mich nie diesen einen Platz, wo ich mich so sehr zuhause gefühlt habe, dass ich mich zurücklehne und eine Decke über meinen Beinen liegt und der Tee neben mir dampft und irgendwann dampft er nicht mehr, weil ich Zeit und Raum vergesse beim Lesen anderer Beiträge fremder Menschen und beim Schreiben für andere fremde Menschen. Ich war auf einer Plattform: Nie so zuhause, dass ich bleiben will.

Und dabei war ich schon auf vielen Plattformen, bin zweigleisig oder dreigleisig gefahren, um dem Gefühl nachzujagen, dass sich alles gut anfühlt und habe gemerkt, dass mir verschiedene Orte nicht guttun. Ich will nicht hin- und herswitchen. Ich habe gebloggt und mich dort einsam gefühlt, denn ich bin gefühlt keine typische Bloggerin; ich habe in Foren geschrieben und das Gefühl gehabt, ich bin hier falsch; ich bin auf Twitter und Reddit und schreibe ganz woanders Kurzgeschichten und die Leute freuen sich, sie zu lesen. Aber immerfort war und bin ich eine virtuelle Heimatlose, weil ich über so viel mehr schreiben möchte. An nur einem Ort. Nicht an vielen. Alles, was in meinem Kopf herumgeistert, möchte ich herausschreiben und an einem Ort sammeln, den ich virtuelles Zuhause nennen kann.

Gibt es vielleicht nicht „den einen Platz“ für mich? Ist dieses Umherwandern und das „von einem Ort zum anderen ziehen“ in der digitalen Welt eventuell sogar normal? Aber was, wenn man Wünsche diesbezüglich hat und die Hoffnung, dass es doch gottverdammt diesen einen Ort geben muss. Wieso erfindet ihn keiner oder wieso hat ihn jemand erfunden, aber ich entdecke ihn nicht in den tiefen des Internets?


Ich möchte mir etwas aufbauen. In der digitalen Welt. Eine Heimat mit einer Community: die ist dann wie eine Nachbarschaft in einer Stadt. Und einen Schrank, in dem sich meine Texte stapeln. Und eine Schreibtischlampe, die brennen soll, wenn es dunkel wird. Und ein Sofa, auf dem ich mich zusammenrollen kann, wie eine Katze, um die Texte und Gedanken anderer zu lesen.


Wo ist dieser Ort? Existiert er?

Ich suche und suche seit Jahren. Pendle von A nach B und nutze Plattformen, als wären es so eine Art Schlafmöglichkeit oder eine Wohnung auf Zeit. Immer andere Menschen, an die ich mich gewöhne und die ich mag und die mich mögen, aber es fühlt sich niemals heimatlich an.


Weiterziehen. Suchen. Nicht-Finden.


Ich bin gefangen in einer Endlosschleife von verschiedenen Plattformen und manchmal denke ich:

Ich sollte einfach den Stecker ziehen und mir ein neues Hobby suchen. Seerosen züchten. Oder Pullis häkeln. Vielleicht. Vielleicht. Mal sehen.

Aktuell jedenfalls habe ich Heimweh. Nach einem Ort, den ich virtuell nie gesehen oder betreten habe.


Wo ist Eure digitale Heimat. Und: seid Ihr irgendwo in dieser digitalen Welt angekommen, um zu bleiben?

Dieser Artikel ist zuerst auf Publikum erschienen. Dort schreibe ich auch manchmal, aber auch dieser Ort ist für mich: keine Heimat geworden. Ich hoffe, dass ich diesen neuen Blog dafür nutzen kann. Zum Ankommen. Einen Versuch ist es zumindest wert, finde ich <3