Friedhofsgeflüster. Es geht los.

Ich muss zum Frisör. Sagt die Katze auf meinem T-Shirt. Wenn ich ein Selfie mache, schaut sie verärgert auf meine Haare, die in alle Richtungen stehen. Beweisbilder behalte ich für mich. Glaubt mir einfach. Allerdings muss noch jemand anderes zum Friseur und das ist Anna Sowieso. Bzw ihr Grab. Und das Grab braucht nicht nur einen professionellen Schnitt, sondern nach über 140 Jahren auch eine ordentliche Bepflanzung. Und darum werde ich mich auch dieses Jahr wieder kümmern.


Vor zwei Jahren habe ich mit dem Projekt Urban-Friedhofs-Gardening begonnen und festgestellt, dass hier weder Tomaten noch Erdbeeren gedeihen. Zu schattig. Aber neues Jahr, neues Glück, sagt man doch so schön, oder? Ich kümmere mich also. Um Anna und ihr Grab und ihre Geschichte, die irgendwann vergessen wurde, so wie jeder irgendwann vergessen wird. Ich ernenne mich hiermit zur Friedhofs-Friseurin …. Äh Kümmererin 2.0.


 


Die Postbotin, die gegenüber eines Friedhofes wohnt, erklärt hiermit allen und der Welt im speziellen: sie muss dieses Grab unbedingt schneiden und waschen und durch den Wind föhnen lassen, weil es ja sonst niemand macht.


Und das stimmt auch. Es macht keiner. Nicht so, wie ich es zumindest versuche. Zwei mal im Jahr kommt der Rasenmähemann der Stadtverwaltung und pflügt alles nieder, was in seinen Augen als Unkraut gilt. Und das ist leider: Alles. Ich hoffe, ich kann ihn dieses Jahr davon abhalten, meine schönen Pfingstrosen - sollte ich denn im Herbst wider besseres Wissen welche pflanzen- erneut wegzumetzeln und dem kümmerlichen Rest der Pfefferminze den Garaus zu machen.

Immer, wenn ich Motorsägengeräusche oder einen Benzinrasenmäher höre, weiß ich: der nächste Blick auf den Friedhof wird abenteuerlich. Und von dieser besonderen Reise in die Zeit von achtzehnhundertumdiefünfzig bis hin zu zwanzigzweiundzwanzig erzähle ich euch nun. Ungeordnet und wie ich gerade Lust und Laune habe und immer so, wie meine Gedanken gerade wehen. In zwanzig oder dreißig oder meinetwegen auch hundert kurzen Geschichten. Spitzt die Ohren, denn es geht jetzt und morgen und in Zukunft los:

Mit dem Friedhofsgeflüster!

Kahlschlag

Es beginnt mit dem ersten Schritt von vielen. Der nennt sich: Kahlschlag. Meine Freunde bei den Friedhofsverschönerungsarbeiten sind Spaten Ralf (über den könnt ihr auf Story.one was lesen. Zum Beispiel in dieser Geschichte über das Bier) und Grubber Rosi. Sie begleiten mich. Stets. Mit dabei sind oft Schere Waltraut und ein paar ungleiche Handschuhe. Der rechte Handschuh ist pink und für grobe Arbeiten gedacht. Der linke ist grau und hat nur eine dünne gummierte Schicht. Ich hab die jeweils andere Seite beim Leben und Spazierengehen und Denken irgendwann verloren, aber ungleiche Paare ergänzen sich, wie jeder weiß.

Es ist Donnerstag und ich habe Urlaub und irgendwie drängt es mich auch bei 35 Grad auf den Friedhof. Da ist wenigstens Schatten und da ist wenigstens jemand, der mir beim Denken zuhört: Anna Sowieso. Sie liegt ganz hinten links im Schatten unter meterweise Efeu - dem ich einfach nicht Herrin werde - und hört tagein und tagaus auf dem Spielplatz nebenan die Kinder beim Schaukeln johlen und beim Sandwerfen heulen. Eine Schallschutzwand wäre nicht schlecht, überlege ich manches mal, wenn ich nach der Arbeit an diesem schönen Ort runterkommen will. Aber wem erzähle ich das, schließlich habe ich selbst ein Kind.


Das Efeu wuchert also und die ganze Stadt und das ganze Land ächzt unter der Hitze. Nur Anna Sowieso nicht. Denn sie liegt tief unten in kühler Friedhofserde.


Mein Spaten Ralf guckt etwas misstrauisch, als ich ihn mit Gruber Rosi aus dem Jutebeutel zerre. Arbeiten war noch nie seine Stärke. Aber heute: Muss er ran. Bis das Metall vor Schweiß glänzt. Ich beuge mich über das Grab und reiße Efeu weg und zerre Gras aus der Erde und nach einiger Zeit sind meine Hände schwarz und Ralf verbiegt sich vor Gram und Arbeitsunlust. „Ralf! Komm klar! Was sollen denn die anderen machen, die auch in dieser Mittagshitze arbeiten müssen, hmm?“ frage ich ihn. Er verbiegt sich noch mehr und will nicht darüber reden. Typisch. „Stell Dir vor, Du wärst Postbote! Dann müsstest Du jetzt in einem schwitzigen Auto sitzen und Klimaanlagen und Ventilatoren ausliefern. Ist das etwa besser, als etwas in kalter Erde zu buddeln?“ Ralf findet, dass das viel besser wäre und er möchte sofort eine Klimaanlage bestellen. „Kommt nicht in die Tüte!“ ermahne ich ihn. „Denk an den Klimawandel und das Insektensterben. Jeden Tag sterben hunderte Insekten an so einer Windschutzscheibe des Todes. Aber wir zwei, Ralf: Wir kämpfen dagegen an! In dem wir hier schöne bunte Pflanzen hinsetzen.“ stolz und mit Erde unter den Fingernägeln strahle ich ihn an. Aber Ralf ist müde. Das Wetter. Die nervige Rosi, die einfach nur rumliegt und scheinbar gar nicht zu arbeiten braucht und dann findet er auch noch, dass es eh und überhaupt gar nichts bringt, ein einzelnes Grab auf einem riesigen vergessenen Friedhof zu pflegen. Null bringt das. Null Komma Null Null. Scheiß auf das Insektensterben. Er will jetzt einfach nur in seine Werkzeugkiste und im Schatten liegen.

Ralf ist eine Spaßbremse, finde ich und steche mit ihm in die Erde, buddle weiter fröhlich herum und nutze sogar noch Grubber Rosi, um Blätter und Efeu vom Grab mit ihr zu entfernen. Meine uralte und wunderschöne Schere Waltraut schneidet die von Schnecken abgenagten Pfefferminzhalme und das ebenso aufgefressene Lavendel bis zum Boden ab und als wir fertig sind, sieht das Grab leer aus. Wie vor zwei Jahren, als ich diesen Kahlschlag das erste Mal vollzogen habe. Kahl und öde. Es mutet ein bisschen wie eine sommerliche Mondlandschaft mit ziemlich viel dunkler Erde an. Und mit einer Rollassel mitten darauf. Die kann es nicht fassen, dass ich ihre Heimat mit den ganzen Verstecken und dem vertrockneten Laub und dem rankendem Efeu dem Erdboden gleichgemacht habe und schaut mich mit ihren aufgerichteten Antennen ziemlich wütend an. Ich schnappe sie mir und sie liegt ein bisschen zusammengerollt auf meiner Hand, bis sie sich freistrampelt und zu fliehen versucht. „Keine Sorge, Assel. Das wird wieder. Nach dem Kahlschlag kommen neue Pflanzen. Das ist, als wenn man zum Friseur geht. Zwar kommen ganz viele Haare ab, aber danach entsteht etwas neues und besseres. Und hier auf dem Grab entsteht vielleicht so was wie eine Föhnfrisur.“ Die Assel schaut entsetzt und legt ihre Antennen zur Sicherheit nach hinten. Sie sehen jetzt aus wie zwei einsame nach hinten geföhnte Haare. Spaten Ralf kichert und Grubber Rosi schläft schon wieder. Während ich ein Foto von dem kahlen Grab mache, spiegelt sich die Katze auf meinem T-Shirt im iPhone. Ihr Blick sagt alles: Nicht das Grab muss zum Friseur, sondern ICH. Aber für sowas habe ich keine Zeit, denn es liegen wichtigere Aufgaben vor mir.




 

Keiner glaubt mir, dass ich neben meinem Postbotinnen-Dasein auch eine Topp-Friedhofsgärtnerin bin. Aber: Ihr werdet schon sehen! Was hier bald entsteht. Und was ich erleben werde. Hier, auf meinem vergessenen Friedhof.