"Gehen wir ein Stück?"

„Gehen wir ein Stück zusammen?“ „Virtuell? Ja. Wohin?“

„Da ist dieser Weg bei mir hinter der Hauptstrasse. Mit wilden Blumen und Brombeerhecken. Ausgestorben am frühen Morgen, dicht befahren und belaufen am Sonntag nachmittag. Wenn man ihm folgt, erfährt man ein Stück Geschichte meiner Stadt. Wenn man ihn geht, sieht man nichts, außer diesem Weg. Er ist keine Einbahnstraße, aber fühlt sich so an.“

„Da wollen wir Spazierengehen?“

„Ja, er führt zum Wald. Dort sieht man Rehe und Mäuse. Der Wald ist ein Umweg. Verlässt die Einbahnstraße, die keine ist und führt uns unter Eichenkronen und zu verlassenen Pfaden. Mit Farn überwuchert und voll von vergessenen Bucheckern, die seit Jahren dort liegen. Dann kommt das Feld.“

„Raps?“

„Und Zuckerrüben seit Jahrhunderten. Und Krähen, die sich im Herbst dort versammeln, um ihr Einzelgängertum für eine kurze Zeit aufzugeben. Die Krähen erzählen sich Geschichten. Man hört sie schon von weitem.“

„Das hört sich schön an.“

„Jetzt ist aber fast Sommer. Keine Krähen. Dann ist da dieses Freibad am Waldrand. Bald hört man Geräusche in der Hitze: Kreischen und Stimmengewirr verdichtet sich. Hohe und tiefe Töne mischen sich zu einem unregelmäßigem Hintergrundgeräusch. Unterbrochen nur von Mücken, die hier auf dem Weg an unseren Ohren surren.“

„Was kommt nach dem Wald?“


 

Bild: unsplash


 

„Nach den Feldern und dicht an dicht stehenden Bäumen? Komm, ich zeigs dir. Da hinten,“ mein Finger zeigt in die Ferne. „erkennst du Windräder. Dort beginnt ein neuer Landstrich. Apfelplantagen und kleine Dörfer. Die Straßen winden sich und wenn du ihnen folgst, siehst du irgendwann das Mittelgebirge.“

„Und wohin gehen wir?“

„Wohin du möchtest. Von diesem Punkt zwischen Bäumen und Gräsern und Strommasten und durchpflügter Erde kommen wir überall hin. An jeden Punkt der Welt.“

„Wie soll das denn funktionieren?“

„Man braucht nur einen Schritt vor den anderen zu setzen. Man braucht nur etwas Zeit. Man braucht nur den Mut, den Pfad zu verlassen, den die Menschen hier getrampelt haben.“

„Ich bin festgebunden durch den Alltag und den Job. Und will doch weg, um irgendwo anders zu sein. Auf dieser Apfelplantage, die du beschreibst, zum Beispiel. Ich will dort liegen und in den Hinmel schauen und alles um mich herum spüren. Mich selbst spüren. Das Gras im Nacken und die Sonne auf der Haut. Aber selbst dafür fehlt mir die Zeit.“

„Geh einfach los. Wohin du willst. Für eine Weltreise braucht man nicht viel. Kein Geld und keine Karten. Kein Zeitkonto. Keine Yacht und keinen Fallschirm. Alles was du brauchst, besitzt du bereits: Vorstellungskraft.“

(Wo sind wir? In der Küche. Im Wohnzimmer. Auf der Parkbank. Überall. Und nirgends. Einzeln. Jeder woanders. Ganz sicher aber sind wir auch: auf einem Spaziergang irgendwo auf der Welt. Zusammen.)

„Riechst du die Apfelblüte?“

„Nein...... Ich schmecke den Apfel.“

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„Gehen wir ein Stück?“ fragst du irgendwann. „Wohin du willst.“ werde ich antworten.