Kurze Geschichte über das Unglück. Und das Glück darin.

Manchmal merkt man, wie schnell Augenblicke doch sind und wie flüchtig der Moment.


Ich möchte Dir erzählen, wie es an einem kalten Wintermorgen zuging und wieso ich ganz schön großes Glück hatte, das im Unglück verborgen lag.


Glaube ich an Glück? Ja. Immerzu. Selbst im Unglück kann man Glück finden. Und sei es nur in Form eines verloren geglaubten Gegenstandes. Davon erzähle ich Euch jetzt:


 


 

Nachts hatte es in Strömen geregnet. Und dann fror es. Winter und Januarkälte.

Als ich in das Auto steige, dessen Türen natürlich festgefroren sind und nachdem ich die Eischicht von der Frontscheibe gekratzt hatte, die so dick war, dass ich dachte, die Wischerblätter reißen ab, wenn nicht gleich ein Wunder geschieht, bin ich schon gut aufgewärmt.

Erste rote Ampel vor der ersten Kurve. Ich merke, wie die Bremsen stottern, als ich auf sie zufahre. Wie ich beim Anfahren ins Schlingern komme, als ich abbiege. Aber ich bin Postbotin. Die überstehen alles. Rede ich mir ein und fahre weiter. Vorsichtig. Wie die meisten. Wie nicht alle. Es ist viertel nach sechs und noch kein Streufahrzeug weit und breit zu sehen. Fuck. Typisch. Während in anderen Städten gefühlt alle den Wetterbericht verfolgen und ihre Jungs und Mädchens mit den großen wichtigen Fahrzeugen losschicken, um die Straßen mit Salz zu bestreuen, ist hier mal wieder: Nichts.

Ab und zu komme ich auf gerader Strecke ins Rutschen und denke über Haftreibung nach und darüber, dass es egal ist, wie schön oder teuer ein Auto ist und ob es Winterreifen hat oder nicht: Bei einer spiegelglatten Fahrbahn kann man nur verlieren. Aber ich nicht. Ich fahre vorsichtig.

Nächste Ampel an einer riesigen Kreuzung. Wirklich riesig. Mir hat mal einer gesagt, es ist die Kreuzung mit den meisten Ampeln überhaupt in Deutschland. Ich glaube, es stimmt nicht, aber so richtig wissen tue ich es auch nicht. Mittendrin verschiedene Spuren zum im Kreis fahren und abbiegen oder nicht abbiegen mit Ampeln über Ampeln (ich erzähle Euch jetzt nicht, wie ich im Sommer fünf Mal im Kreis gefahren bin und an den ganzen Ampeln gescheitert bin, weil mich keiner auf die rechte Spur gelassen hat und wie ich mir vorgestellt habe, den ganzen Tag dort zu verbringen und immerzu im Kreis zu fahren, unterbrochen nur von grün und rot und wildem Gehupe, was dort nachmittags immer stattfindet).

Als ich auf die Ampel dort zufahre, bremse ich vorsichtig. Das Auto rattert, das ABS springt an. Irgendwann stehe ich an der Haltelinie und überlege, ob ich einen Schluck von meinem Kaffee nehme, der im Becher vor mir in diesem Becherhalter ist. Es ist ein cooler Coffee-to-go-Becher für die Ewigkeit. Ich will gerade den Becher nehmen, da passiert etwas.

Ganz plötzlich. Unerwartet. Der zwanzig Jahre alte Anschnallgurt spannt sich an, als ich nach vorne fliege und hält mich. Die Wucht ist so stark, dass meine Mütze vom Kopf fliegt und durch diese kleine Kaffeeöffnung der Kaffee sich einen Weg nach draußen in die Freiheit sucht und nach vorne auf das Armaturenbrett spritzt und sich bis ans Fenster verteilt. Der Kaffee trifft die Mütze und ich wundere mich, dass das Leben so schnell Wendungen vollbringen kann. Gerade noch an den Kaffee gedacht, schon hätte im nächsten Augenblick alles vorbei sein können. Ist es nicht, es ist keine Autobahn. Keine hohen Geschwindigkeiten, die meinem Auto etwas antun. Der Aufprall kam von hinten, nicht seitlich. Ich bin angeschnallt und bin bei Sinnen und wundere mich trotzdem, wie schnell so etwas geht und wie langsam der Kopf reagiert und mit was für absurden Gedanken er zu kämpfen hat.

Irgendwann nach zwei Sekunden mache ich das Warnblinklicht an. Und weil dieser Knall so laut war und so kräftig und mein Kopf noch immer nichts versteht was genau eigentlich passiert ist, denke ich mir, dass mein Auto bestimmt Schrott ist (in meinem Kopf sehe ich ein Heck, dass nicht mehr existiert, weil es zusammengefaltet ist, wie eine Schiffermannsorgel) und es niemals von dieser Kreuzung kommt, weil der Abschleppdienst an allen Ampeln scheitert und immer im Kreis fahren muss. Runde um Runde.

Ich sehe, wie das Auto hinter mir auch die Warnblinker anmacht. Ich steige aus. Darf ich aussteigen? Auf einer Kreuzung? Was, wenn mich jemand platt fährt. Aber ich tue es trotzdem und dann stehe ich vor einer jungen Frau, die sich entschuldigt und erschrocken ist wie ich und wir finden alles schlimm, aber sind glücklich, dass es uns gut geht und dann sagt sie, dass sie bei der Polizei arbeitet. Das ist gut. Sie hat zu spät gebremst. Weil sie gerade erst losgefahren ist. Mit Papas Auto. Einem fetten SUV. Und dass man doch nicht 50 Meter bremsen muss vor einer Ampel. „Im Winter vielleicht schon.“ Denke ich mir, sage aber nichts. Wir tauschen Nummern. Dann gucken wir unsere Autos an. Meines ist alt und schmutzig und genauso groß und nicht zusammengefaltet. Es sieht aus wie eh und je. Ich sehe nur ein paar tiefe Kratzer an diesem Ding, das man Stoßstange nennt.

Ich steige wieder ein. Sie auch. Dann fahre ich langsam los, als alles frei ist und meine Hände zittern noch und ich denke daran, wie weh es getan haben müsste, wenn ich mit dem Kopf auf das Lenkrad geknallt wäre, wenn es keine Anschnallgurte geben würde. Manchmal rasen Autos an mir vorbei. Zu schnell. Mit Fahrern, die vielleicht denken, dass sie unsterblich sind.


 

Ich hatte am Tag vorher einen Scheiß-Tag. Richtig, richtig schlimm für den Kopf. Und denke mir, als ich endlich ein Streufahrzeug sehe, hinter dem ich her tuckere, dass es aktuell und rückblickend und überhaupt eine richtig miese Woche werden wird.

Als ich Feierabend habe, begutachte ich mein Auto. Erst jetzt habe ich die Ruhe. Außerdem ist es hell und ich sehe, was ich morgens nicht gesehen habe: dieselben Kratzer. Nur bei Tageslicht.

Dann steige ich ein. Will den ersten Gang einlegen und zur Werkstatt fahren (ich hab meinem Werkstatttyp nämlich mittags eine Sprachnachricht geschickt und alles berichtet und er meinte: „Komm vorbei später. Ölwechsel können wir auch gleich machen, wenn du magst.“) und mein Blick fällt auf etwas, was ich verloren geglaubt hatte und was plötzlich vor dem Schalthebel liegt, als hätte jemand es dort abgelegt. Ein Einbrecher, der mir etwas Gutes tun wollte. Dort liegt mein seit dem Sommer verschollenes Taschenmesser. Ich freue mich. Richtig doll. Unfassbar doll. Und grinse und fahre los. Tag gerettet. Woche gerettet. Verdammt, ALLES ist für mich gerettet in diesen wenigen Sekunden der Freude.


 

Das war Glück im Unglück: Dass ich mein schönes Messer wiedergefunden habe an diesem beschissenen Tag!


 

Das Unglück und der Schock saßen tief an diesem Morgen. Aber diese Freude, dass die Wucht des Aufpralls mein Taschenmesser wieder zu Tage befördert hat, das in irgendeiner tiefen Ecke eingeklemmt und versteckt herum lag, lässt mich denken: Dass die Woche bisher vielleicht beschissen war. Aber dass sie immer noch die Chance hat, besser zu werden. Das keiner verletzt ist. Dass mein Messer wieder da ist (um es noch einmal zu wiederholen). Dass ich eine neue Erfahrung gemacht habe, da ich bisher von Unfällen verschont geblieben bin und gemerkt habe, dass Anschnallgurte und große, alte Autos ganz schön cool sind, wenn jemand einen an der Kreuzung wegdrücken will. Und weil ich eine neue Alltagsgeschichte habe, die ich in Worte fassen konnte. Auch das gefällt mir!


Bremst früh genug! Und passt auf Postboten auf, die einfach nur einen Schluck Kaffee nehmen wollen an der Kreuzung ;-)