Wie ist es, einen alten Jugendfreund zu treffen?

Manchmal verliert man sich aus dem Blick. Und Jahrzehnte später trifft man sich wieder. Wie das ist, davon erzähle ich Dir nun.


 

Bild: unsplash


 

Vor 24 Jahren habe ich Marc kennengelernt. Er kam plötzlich in meine Klasse und war in sein Skateboard verliebt und in Punkrock. Wir freundeten uns an und im Unterricht saß er neben mir und schob mir währenddessen oft CD‘s zu: „Hier! Die musst du hören! Gefällt dir!“ und hat damit auf subtile Art und Weise meinen Musikgeschmack bis heute geprägt. Dann verloren wir uns nach vielen Jahren aus den Augen, wie das so ist, wenn man anfängt zu arbeiten und in andere Städte zieht. Er ging für einige Zeit nach London zu seiner Freundin. Ich für immer in diese Stadt, in der ich heute lebe.


 

Wir trafen uns noch auf Partys, kannten dieselben Leute und wussten immer ein bisschen, was der andere macht. Aber nie so echt und tief wie damals.


Bild: Unsplash

Durch seltsame Begebenheiten haben wir uns dann platonisch wiederentdeckt und hin und wieder geschrieben. Aber auch hier erreichten wir nie dieses Freundschaftsding wie früher. Wir wollten uns oft treffen und einer von uns hatte dann doch keine Zeit. Arbeit. Kinder. Dieses und jenes. Wochen und Monate und gefühlte weitere Jahre gingen ins Land und dann kam letztens ein Kollege zu mir: „Hier! Der Nachsendeauftrag! Guck mal bitte drüber!“ und ich gucke drüber und sehe den Fehler und muss schmunzeln, denn es ist ein Nachsendeauftrag von Marc’s bestem Freund. In diesem Moment denke ich, dass es eine gute Idee ist, Marc zu schreiben und das tue ich am nächsten Tag: „Hey! Let‘s meet! Weißt du noch? Die CD‘s, die du mir früher geliehen hast? Ich höre die Bands immer noch!“ und dann schreiben wir hin und her und finden es eine gute Idee, uns am Pfingstmontag zu treffen. Kaffee von der Tankstelle („Ich hol den Kaffee. Er ist dann lauwarm, wenn ich ankomme. Welche lauwarme Sorte magst du am liebsten?“). Wo treffen wir uns?Spaziergang um den See? Machen wir. „Klappt morgen?“ frage ich, weil ich weiß, wie das Leben spontan manchmal spielt. „Ja!“ antwortet er sofort.

Und dann stehe ich auf dieser Brücke, auf der wir auch vor zwei Jahrzehnten standen, wenn wir uns für den Rummel verabredet hatten. Der Kaffee wird noch ein bisschen kälter, weil ich wie immer zu früh da bin und dann kommt er vom Parkplatz auf mich zu. Ich winke wie irre. Der einzige Mensch auf einer Brücke, aber er soll mich auf keinen Fall übersehen!

Wir grinsen uns schon von weitem an. Umarmen uns und dann fangen wir schon an zu reden. Oh Gott! Wie früher! Wirklich! Wir reden über die Liebe, das Leben und den ganzen Rest. Es gibt nichts, was zwischen uns steht, nichts, was man sich vielleicht nicht traut dem anderen zu offenbaren. Diese Vertrautheit ist sofort da, als wir uns gegenüberstehen. Wir reden über vergangene Partner und aktuelle. Über Wünsche und Ängste und ganz viel über früher und wie es ist, Freunde zu haben, auch wenn sie weit weg sind.


 

Als wir irgendwann wieder auf dieser Brücke stehen, weil es Zeit ist für uns zu gehen, zerre ich ein Foto aus meinem Jutebeutel. „Hier! Für dich!“ „Oh Gott! Wann war das?“ „vor 21 Jahren. Da vorne irgendwo!“ sage ich und zeige in eine Richtung. Auf dem Bild sind Marc und Nicole und Kevin und er sagt: „Ist das … echt jetzt…. Kevin?“ „Ja. In deinem Schwitzkasten!“ und wir reden über Kevin und dass er immer so eine besondere Art zu reden hatte und das Nicole jetzt ein Haus hat und einen Mann und wie die Zeit doch vergeht. Und schon wieder stehen wir zwanzig Minuten an diesem Fleck, bis wir uns mit einer Umarmung verabschieden. „Wann sehen wir uns wieder?“ „An einem Freitag, wenn ich rollfrei habe.“ „Wann ist das?“ „Nächste Woche. Aber das ist zu früh. Ich mein, ist doch schräg, wenn wir uns nach Jahren plötzlich zu oft sehen. Aber in 7 Wochen oder so?“ „Abgemacht!“ sagt er und dann verabschieden wir uns ein zweites Mal und jeder geht in andere Richtungen glücklich und voll mit Informationen und nostalgischen Gefühlen zu seinem Auto.

So ist es, einen alten Jugendfreund nach Jahren wieder zu sehen:

Schön!