Superbepflanzung

Nach dem Kahlschlag kommt die Superbepflanzung. Oder sowas in der Art.


 

Schlechte Briefe öffnet man sofort im Treppenhaus: entweder auf dem Weg nach oben oder gleich auf dem Weg zum Altpapiercontainer. Gute Briefe hingegen öffnet man dann, wenn der perfekte Moment gekommen ist, damit man auch die nötige Zeit hat, sich zu freuen.

Als ich pfeifend die Treppen herunter hüpfe, um zum Friedhof zu gehen und komplizierte Abmessungen vorzunehmen, um zu notieren welche Pflanze in Zukunft wo wachsen soll, steht unten auf dem Briefkasten ein großer weißer Umschlag. Wattiert und mit bunten Briefmarken versehen. Noch lauter pfeifend schnappe ich ihn mir und stecke ihn in meine Handtasche aka Jutebeutel.


Am Friedhof inspiziere ich das Grab. Es ist immer noch kahl. Gut. Keiner hat nachts heimlich Blumen gepflanzt oder Samen in die Erde gebracht. Niemand ist auf dem Grab herum getrampelt oder hat dort genächtigt. Zumindest sehe ich keine Fußspuren und kein Zelt. Dann stehe ich da und denke nach: Was für Blumen könnte Anna wohl gut finden? Gelbe? Rote? Ich komme zu keinem Schluss und weiß, wenn ich jetzt zum Blumenfachhandel fahren würde, würde das Angebot mich überfordern. Das ist, als wenn man im neueröffneten und riesigen Supermarkt vor einem Regel mit Senf steht und sich nicht für den „richtigen“ mittelscharfen Senf entscheiden kann. Tube? Glas? Eigenmarke? Marke x oder y? Grob gekörnt, mittel gekörnt, streichzart? Lieber 50 Gramm? Oder doch die große Packung mit 500 Gramm? Mindestens drei Regale sind gefüllt mit Senf in allen möglichen Schattierungen in gelb und ockerfarben.

So eine Auswahl fällt leichter, wenn man in den Supermarkt geht, in den man sonst auch immer geht. Da steht der Senf in Regal 7 und es gibt nur vier Sorten und man nimmt ohnehin immer den gleichen.

Darum verwerfe ich den Blumenfachmarkt und meine komplizierte Pflanzpläne und gehe zum Normalo-Supermarkt. Soll der für mich entscheiden, was für Blumen gerade im Trend sind. Außerdem ist er um die Ecke.


 

In der Auslage draußen sind drei Wägelchen mit halbvertrockneten oder gleich komplett vertrockneten Blumen. Kann keiner was für: 35 Grad im Schatten und die Wägelchen würden im Markt selbst ein akuten Platzmangel verursachen. Man stelle sich vor, dass man über einen Wagen voll mit toten Sonnenblumen klettern müsste, um zum Brokkoli zu gelangen. Gegossen wird dann mit dem Schweiß der Kletterwütigen, der von der Stirn in die Blumenerde tropft oder schimmernd an den Blüten hängenbleibt, um mit der Schwerkraft nach unten zu rinnen.

Die Wagen stehen also draußen und die Blumen darauf sterben in der Hitze und dann entdecke ich die einzigen drei Blumenarten, die fröhlich vor sich hin blühen. Hinten links, gleich neben den Einkaufswägelchen. Ich schnappe mir 12 Töpfe und riesele an der Kasse mit der Erde. Die Verkäuferin scheint glücklich und denkt vielleicht: „Endlich 12 Pflanzen weniger, die demnächst ihr Leben lassen. Hier vor dem Supermarkt.“. Oder sie denkt: „Oh, Glattblattaster.“ Oder sie denkt, und das ist das wahrscheinlichste: gar nichts und lauscht nur dem Piepen des Scanners und dem Rollgeräusch des ewigen Rollbandes.


 

Eine halbe Stunde später habe ich 12 Löcher auf dem Grab ausgehoben. Spaten Ralf ist voll mit Friedhofserde und hat ein bisschen Angst, dass er einen Knochen oder andere Gebeine ans Tageslicht befördern könnte. So tief hat er lange nicht gegraben. „Keine Sorge,“ beruhige ich ihn. „Tote werden tiefer verbuddelt. Aber vielleicht finden wir einen Ring? Oder eine alte Münze, die jemand hier vor 100 Jahren verloren hat, weil er hier auch Pflanzen gesetzt und gebuddelt hat?“ Ralf ist aufgeregt und will weiter buddeln. Typisch. Aber wir sind fertig. In die Löcher setze ich die Blumen und drücke alles fest an und dann begutachte ich unser Werk. Anna würde sich bestimmt freuen. Rosa und lila und weiß sehen gut aus. Superbepflanzung erfolgreich erledigt.


Eine Frage geht mir aber durch den Kopf und ich beschließe, es herauszufinden: Wie sah die typische Friedhofsbepflanzung vor hundertvierzig Jahren aus? Was war da Mode?


Und warum sieht man so selten Bienenmischungen und Malven oder Stockrosen auf Gräbern? Warum werden keine Kräuter oder Gemüse angepflanzt? Hier auf diesem Friedhof ist es für Gemüse zu schattig, wie ich in den Vorjahren feststellen musste. Aber es gibt doch auch sonnendurchflutete Friedhofsanlagen. Meistens stehen dort Erika und Petunien oder Stiefmütterchen. Efeu ist auch groß in Mode, habe ich gehört und schneide noch schnell eine Schlinge ab, die sich an Annas Grabstein hochwinden möchte.


 

Kurze Zeit später komme ich mit meiner Gießkanne wieder. Im Treppenhaus sind nun kleine Pfützen, denn bis oben hin gefüllte Gießkannen schwappen gerne mal über. Als ich die Kanne abstelle, sehe ich, dass sieben Pflanzen schon ihre Köpfe hängen lassen. Hat ihnen der Supermarkt besser gefallen? Ist es Heimweh? Oder ist die Friedhofserde nicht so ihr Ding? Ich beschließe, so zu tun, als würde ich die hängenden Blätter und Köpfe nicht bemerken und gieße drauf los. Und dann ist die Superbeflanzung fertig und ich setze mich auf den Grabstein dahinter, um Annas Grab zu bewundern und um endlich den Brief zu lesen. Er knistert, als ich ihn öffne und ein Buch und eine Karte fallen heraus. „Anna!“ Sage ich zu Anna, die 1,80 m unter der Erde liegt und ihre Ohren spitzt „Ich habe ein Buch geschenkt bekommen von meinem Brieffreund!“ grinse ich von einem Ohr bis zum anderen. „Ich LIEBE Bücher. Du bestimmt auch, oder? Hör gut zu, ich lese Dir jetzt daraus vor!“ Und das tue ich dann.



 

Schön ist es: So ein Beet zu haben mit schönen Blumen inmitten der Großstadt. Und noch schöner ist es, dort zu sitzen und laut zu lesen und zu wissen, dass keiner komisch guckt. Anna schon mal gar nicht.